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Medien 7 Min.17. April 2026

Die unsaubere Doppelrolle von SRF im Fall Patrick Fischer

SRF war jahrelanger Partner des Eishockeyverbands – und trat gleichzeitig als unabhängiger Investigativjournalist auf. Wie passt das zusammen? Eine kritische Analyse der strukturellen Doppelrolle des Schweizer Staatsfernsehens.

Die unsaubere Doppelrolle von SRF im Fall Patrick Fischer

Bild: KI-generiert (illustrativ)

Heute äusserte sich Eishockey-Verbandsboss Urs Kessler im Rahmen einer virtuellen Medienkonferenz über die Entlassung von Nationaltrainer Patrick Fischer. Fischer stand nach der Bekanntgabe einer strafrechtlich abgegoltenen Urkundenfälschung im Zentrum der Berichterstattung der vergangenen Tage.

Was geschah – und wie es ans Licht kam

Patrick Fischer hatte die Straftat – ein gefälschtes Impfzertifikat für die Teilnahme an den Olympischen Spielen in China 2022 – selbst und ungefragt beim Mittagessen erzählt. Dies im Rahmen eines lockeren Gesprächs während der Dreharbeiten zu einem Porträt, das der SRF-Journalist Pascal Schmitz mit seinem Team über ihn drehen wollte. Das Team um Schmitz startete daraufhin eine eigene Recherche und forderte den Strafbefehl bei der Staatsanwaltschaft Luzern an. Rund zehn Tage vergingen, bis der Strafbefehl vorlag – insgesamt etwa einen Monat nach dem Dreh. Als SRF Fischer schliesslich mit dem Strafbefehl konfrontierte, drehte dieser selbst ein Handyvideo und stellte es online – um der Veröffentlichung durch SRF zuvorzukommen. Er machte die Geschichte damit selbst öffentlich.

Zunächst stellte sich der Verband (SIHF) hinter ihn. Als der öffentliche Druck jedoch zu gross wurde, liess ihn der Verband fallen. Die Mannschaft muss nun ohne ihn die bevorstehende Heim-WM bestreiten.

In den sozialen Medien sowie in sämtlichen Online-Umfragen von Medienhäusern ist der Zuspruch für Fischer gross. Eine Fan-Webseite wurde lanciert und erreichte innerhalb eines Tages – bei mehrfach möglicher Stimmabgabe – Unterschriften im sechsstelligen Bereich.

Die Entscheidung von Schmitz – und offene Fragen

Das Mittagessen mit dem SRF-Team im Rahmen der Porträt-Produktion wurde Fischer zur Falle. Dabei liegt es auf der Hand, dass ein filmisches Porträt nur dann gute Ergebnisse liefert, wenn zwischen Regisseur und porträtierter Person eine vertrauensvolle Atmosphäre herrscht. Fischer fühlte sich offenbar zu wohl – und plauderte aus, wie er als Ungeimpfter mit gefälschtem Impfausweis an die Spiele nach China gereist war. Diese Strapaze kostete ihm knapp 39'000 Franken.

Schmitz begründete seine darauffolgende Entscheidung mit seinem journalistischen Berufsethos: «Wir haben bei der Staatsanwaltschaft Luzern den Strafbefehl eingefordert und überwiegendes öffentliches Interesse geltend gemacht.» Quelle: SRF

Doch einige Fragen lassen sich nicht so einfach beiseitelegen.

Glaubt Schmitz an die Hoheit der Staatsgewalt? Wenn er den Strafbefehl vor sich hatte und ersehen konnte, dass der Fall abgeschlossen und die Busse bezahlt war – weshalb sah er sich veranlasst, die Angelegenheit neu aufzurollen? War ihm die ausgesprochene Strafe zu gering?

Und weshalb genau sollte die Öffentlichkeit an einer bereits gesühnten Busse interessiert sein? War ihm nicht bewusst, dass Fischer damit ein zweites Mal – dieses Mal vor dem öffentlichen Meinungsgericht – für dasselbe Vergehen verurteilt werden könnte?

Oder ist Schmitz ein Befürworter der Impfpflicht? Das würde zumindest erklären, weshalb er der Ansicht ist, Fischer habe als Person mit Vorbildfunktion versagt und solle sich deshalb öffentlich verantworten.

Es ist schwer vorstellbar, dass jemand, dem der Impfstatus anderer gleichgültig ist, so brennend daran interessiert ist, wie sich ein Trainer, ein Nationalrat oder der Papst hat impfen lassen.

Bemerkenswert ist dabei auch das Timing. Recherchen von CH Media zeigen, dass SRF den Strafbefehl bereits hatte, als Fischer am 29. März bei den Sports Awards als Trainer des Jahres ausgezeichnet wurde. Der Sender schwieg dazu und liess ihn die Auszeichnung entgegennehmen. Auf die Frage, seit wann man Kenntnis vom Strafbefehl hatte, ging SRF nicht ein – dementierte aber, bewusst zugewartet zu haben.

Ein Faktum bleibt: SRF hatte die Dokumente nachweislich bereits, als Fischer auf der Bühne stand.

Wie der Journalist Daniel Ryser in seinem Meinungsartikel «Die Falle hiess Dokumentarfilm» auf Infosperber treffend argumentiert: Wäre die Sache als Teil einer Publikation erst nach der Heim-WM bekannt geworden, hätte sie eine ganz andere Wirkung gehabt, als sie ohne direkten Kontext kurz vor dem Turnier in Umlauf zu bringen. Die SRF-Redaktion hat sich also für ein Spektakel entschieden – eines, das den Nationaltrainer seinen Job kostete.

Indirekt hat Schmitz damit auch mit seiner eigenen Karriere gespielt. Es fällt schwer, sich vorzustellen, welche Schweizer Sportler in Zukunft noch offen mit diesem Journalisten sprechen wollen.

Die strukturelle Doppelrolle des SRF

Während der Medienkonferenz, die ohne Fischer stattfand, fielen selbst dem weniger aufmerksamen Leser die Verstrickungen zwischen dem Verband und SRF erstmals richtig auf. Auf die Frage, ob der Fall Auswirkungen auf die Zusammenarbeit des Eishockeyverbands mit SRF haben werde, sagte Kessler lediglich, die Sache müsse in Ruhe aufgearbeitet werden.

Doch so nonchalant, wie Kessler diese möglichen Auswirkungen darstellt, so bedeutungslos können sie gar nicht sein. SRF ist seit Jahrzehnten enger Partner des Eishockeyverbands – mit umfangreichen Übertragungsrechten für Nationalmannschaft und WM, langjährigen Verträgen sowie zahlreichen gemeinsamen Porträts, Features und Events. Gleichzeitig tritt derselbe Sender als unbeteiligter, «objektiver» Investigativjournalist auf und veröffentlicht eine vier Jahre alte, längst abgeschlossene Strafsache gegen den frisch entlassenen Nationaltrainer.

In der privaten Medienlandschaft gilt ein klares Prinzip: Wer für einen Kunden PR-Texte verfasst, kann für denselben Kunden keine kritisch wirkenden Interviews führen. Er kann weder das eine noch das andere glaubwürdig umsetzen – nicht gleichzeitig und nicht mit derselben Person. Ähnlich verhält es sich bei Zeitungen: Wenn ein Werbekunde plötzlich in den Fokus einer Geschichte über Fehlverhalten gerät, zieht er entweder sein Inserat zurück – oder die Geschichte wird, wie es in der Praxis leider nicht selten vorkommt, gar nicht erst publiziert.

Diese Doppelrolle entsteht überall dort, wo Medien von Werbeeinnahmen abhängig sind. Es gibt natürlich Geschäftsmodelle – etwa Abonnementslösungen –, die bei kluger Führung den redaktionellen Einfluss externer Geldgeber möglichst gering halten.

Im Fall SRF und Patrick Fischer scheinen die Rollen jedoch noch enger miteinander verwoben zu sein. Kann man jahrelanger Verbandspartner und Übertragungssender sein – und gleichzeitig unabhängiger journalistischer Berichterstatter über denselben Verband? Positiv über ihn berichten, ihn als Partner darstellen – und zugleich strafrechtlich abgegoltene Verfahren von Schlüsselfiguren ans Licht bringen? Das muss intern klar geregelt sein: Welche Abteilung ist für welche Themen zuständig – und wo beginnt der Interessenkonflikt?

Wer jahrelang gemeinsam Preise verleiht, Porträts dreht und Geschäfte macht, kann nicht plötzlich den neutralen Richter spielen, sobald dieselbe Person von öffentlichem Interesse ist.

Ebenso scheint es ein Ding der Unmöglichkeit, ein PR-Porträt zu drehen und im selben Team eine Recherche zu starten.

Entweder man ist Partner – oder man ist unabhängiger Berichterstatter. Beides gleichzeitig geht nicht, ohne dass der Verdacht der Instrumentalisierung oder des Vertrauensbruchs entsteht. Der SRF schuldet der Öffentlichkeit hier mehr als ein nonchalantes «die Sache wird aufgearbeitet».

Joyce Lopes de Azevedo

Über die Autorin

Joyce Lopes de Azevedo

Mitgründerin · Redaktion & Strategie

Journalistin, Marketing-Spezialistin und Filmproduzentin – Joyce Lopes de Azevedo vereint drei Berufsfelder, die sie mit gleicher Konsequenz verfolgt. Nach einer kaufmännischen Ausbildung bei der Zürcher Kantonalbank bildete sie sich in Multimedia Production und Filmproduktion weiter. Als Journalistin schrieb sie für den Schweizer Monat, die Weltwoche, Inside Paradeplatz und Corrigenda. Im Marketing ist sie seit 2019 mit ihrer Agentur nischenmarketing.ch selbstständig tätig, ergänzt durch temporäre Anstellungen als Marketingspezialistin. Ihre Arbeit verbindet redaktionelle Unabhängigkeit mit strategischem Denken und medialem Handwerk.

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