Mythos 04
Was die Antike wirklich dachte – und was Christen taten
Video-Interview mit Historiker
Bald verfügbar
Althistorikerin Prof. Dr. Sabine Huebner über die Praxis der expositio im römischen Reich, die christliche Reaktion und die Entstehung der ersten Waisenhäuser der Geschichte.
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Der Schutz ungeborenen Lebens gilt heute als konservative, christliche Position. Doch ein Blick in die Geschichte zeigt: Es waren nicht die Christen, die hier gegen den Zeitgeist ankämpften – es war der Zeitgeist, der sich dem christlichen Menschenbild annäherte.
Im antiken Griechenland und Rom war die Kontrolle über Geburten und die Aussetzung von Kindern weit verbreitet und gesellschaftlich akzeptiert. Sokrates' Schülerkreis, insbesondere die Stoiker und Epikureer, diskutierten Geburtenkontrolle als vernünftige Praxis. Der hippokratische Eid in seiner ursprünglichen Form enthielt zwar ein Verbot von Abtreibungsmitteln – doch dieser Eid war eine Minderheitsposition, nicht der Mainstream. Im alten Rom war die sogenannte expositio – das Aussetzen von Neugeborenen – legal und alltäglich. Unerwünschte Kinder, vor allem Mädchen und Kinder mit Behinderungen, wurden auf Müllhalden, Strassenkreuzungen oder vor Tempeln ausgesetzt. Wer sie auflas, konnte sie als Sklaven halten. Die frühen Christen taten etwas Unerhörtes: Sie lasen diese Kinder auf und zogen sie gross. Nicht als Sklaven, sondern als Kinder. Justin der Märtyrer schrieb um 150 n. Chr. an Kaiser Antoninus Pius: Wir haben gelernt, dass es gottlos ist, ausgesetzte Kinder zu verlassen – denn wir sehen, dass fast alle so Ausgesetzten zur Prostitution erzogen werden. Tertullian, Laktanz und Johannes Chrysostomus schrieben explizit gegen Abtreibung und Kindesaussetzung – nicht aus Frauenfeindlichkeit, sondern aus der Überzeugung, dass jedes Kind, weil im Ebenbild Gottes geschaffen, ein Recht auf Leben hat. Kaiser Konstantin, der erste christliche Kaiser, verbot die Kindesaussetzung 318 n. Chr. – ein direktes Ergebnis des christlichen Einflusses auf das Recht.
Es gibt christliche Traditionen, die Frauen in Bezug auf Schwangerschaft und Körper bevormundet haben. Das ist ein reales Problem, das ehrlich benannt werden muss. Doch die ursprüngliche christliche Position war nicht Kontrolle über Frauen, sondern Schutz der Schwächsten: der Ungeborenen, der Ausgesetzten, der Unerwünschten. Das ist eine radikale Parteinahme für die Schutzlosen – nicht gegen Frauen. Gleichzeitig war es die christliche Bewegung, die als erste organisierte Waisenhäuser (Brephotrophia) und Kinderhospize gründete. Das erste bekannte Waisenhaus der Geschichte wurde im 4. Jahrhundert von Bischof Basileios von Caesarea gegründet.
Fazit
Wer den christlichen Schutz des ungeborenen Lebens als reaktionär bezeichnet, übersieht, dass es die antike Welt war, die Kinder aussetzte und tötete – und dass es Christen waren, die diese Kinder auflasen. Die Frage, ob jedes Leben schützenswert ist, ist keine reaktionäre Frage. Sie ist die Grundlage jeder Zivilisation, die diesen Namen verdient.
Gemeinschaft
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Beeindruckend – ich wusste nicht, dass Tertullian bereits im 3. Jahrhundert Religionsfreiheit als Menschenrecht formuliert hat. Das verändert mein Bild der Geschichte grundlegend.
Die Verbindung zwischen den Zürcher Stadtpatronen und der ägyptischen Legion ist faszinierend. Ich werde das Grossmünster mit anderen Augen sehen.
Endlich eine fundierte Auseinandersetzung mit diesen Themen. Die Quellen sind solide und die Argumentation nachvollziehbar. Weiter so!
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