Mythos 02
Afrikaner, Juden und die Weltkirche von Anfang an
Video-Interview mit Historiker
Bald verfügbar
Kirchenhistoriker Prof. Thomas Oden über die afrikanischen Kirchenväter, die Ursprünge des Christentums im globalen Süden und die transformative Kraft protestantischer Gemeinden in Brasiliens Favelas.
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Das Christentum gilt manchen als europäische oder gar weisse Religion. Ein Blick in die Bibel und die Kirchengeschichte zeigt das Gegenteil: Das Christentum war von Beginn an eine globale, multiethnische Bewegung.
Die Bibel beginnt mit einem Gott, der alle Menschen nach seinem Ebenbild schafft – ohne Ausnahme. Mose, einer der zentralen Figuren des Alten Testaments, heiratete eine Kuschiterin, eine Afrikanerin (4. Mose 12,1). Als seine Geschwister Mirjam und Aaron ihn dafür kritisierten, war es Gott selbst, der Mose verteidigte. Simon von Kyrene – der Mann, der Jesus das Kreuz trug (Markus 15,21) – stammte aus dem heutigen Libyen. Der äthiopische Kämmerer, den Philippus am Weg taufte (Apostelgeschichte 8,26–40), war einer der ersten Heidenchristen überhaupt – ein Afrikaner. Und die bedeutendsten Kirchenväter der ersten Jahrhunderte waren Afrikaner: Tertullian aus Karthago (heute Tunesien), der als Erster Religionsfreiheit als Menschenrecht formulierte. Origenes aus Alexandria. Athanasius aus Alexandria, der das Nicaenum gegen den Arianismus verteidigte. Augustinus aus Thagaste (heute Algerien) – der einflussreichste Theologe des Abendlandes. Sie alle waren Nordafrikaner, keine Europäer. Besonders bemerkenswert ist die Geschichte der Zürcher Stadtpatrone Felix und Regula: Sie waren Geschwister aus Ägypten, Mitglieder der Thebäischen Legion unter dem Kommando von Mauritius – einem afrikanischen Offizier aus Oberstägypten. Als sie 286 n. Chr. nach Turicum (Zürich) flohen und dort für ihren Glauben hingerichtet wurden, waren sie keine Europäer – sie waren Ägypter. Das Zürcher Grossmünster, das Wahrzeichen der Reformationsstadt, wurde über ihrem Grab errichtet. Der heilige Mauritius wird in der mittelalterlichen Kunst häufig als schwarzer Mann dargestellt – so in der berühmten Statue im Magdeburger Dom (um 1240), der ältesten bekannten realistischen Darstellung eines Schwarzen in der europäischen Kunst. Zürich, die Wiege der Reformation, wurde von Ägyptern gegründet.
Es stimmt, dass das Christentum in Europa über Jahrhunderte dominant war und dass europäische Mächte die Mission manchmal mit Kolonialismus verbanden. Das ist ein dunkles Kapitel, das ehrlich benannt werden muss. Doch das Christentum selbst ist keine europäische Erfindung – es entstand im Nahen Osten, verbreitete sich zuerst in Afrika und Asien, und hat heute sein Zentrum im globalen Süden: Brasilien, Nigeria, Südkorea, Kongo. Mehr als die Hälfte aller Christen weltweit sind heute nicht-weiss. In Brasiliens Favelas haben protestantische Gemeinden ganze Nachbarschaften transformiert – durch Bildung, Suchtbefreiung, Familienstabilität und Hoffnung. Die Familie einer unserer Gründerinnen hat das selbst erlebt.
Fazit
Das Christentum ist nicht die Religion einer Rasse oder eines Kontinents. Es ist die Geschichte eines Gottes, der alle Menschen liebt – und einer Bewegung, die von Anfang an Grenzen überwunden hat: ethnische, soziale, geografische. Wer das Christentum als weisse Religion bezeichnet, kennt weder die Bibel noch die Geschichte.
Gemeinschaft
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Beeindruckend – ich wusste nicht, dass Tertullian bereits im 3. Jahrhundert Religionsfreiheit als Menschenrecht formuliert hat. Das verändert mein Bild der Geschichte grundlegend.
Die Verbindung zwischen den Zürcher Stadtpatronen und der ägyptischen Legion ist faszinierend. Ich werde das Grossmünster mit anderen Augen sehen.
Endlich eine fundierte Auseinandersetzung mit diesen Themen. Die Quellen sind solide und die Argumentation nachvollziehbar. Weiter so!
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