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Mythos 09

Sind Freikirchen Sekten?

Über den Missbrauch eines Begriffs

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Video-Interview mit Historiker

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Interview: Was ist eigentlich eine Sekte?

Prof. Dr. Thomas Schirrmacher, Theologe und Religionssoziologe, erklärt im Gespräch, wie der Begriff «Sekte» entstanden ist, wie er missbraucht wird und was ihn von legitimen religiösen Gemeinschaften unterscheidet – mit Blick auf Felix Manz, die Anabaptisten und die weltweite Freikirchenbewegung.

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Der Begriff «Sekte» hat in der Alltagssprache eine stark negative Konnotation erhalten. Er wird verwendet, um Freikirchen zu diskreditieren – oft ohne historisches oder theologisches Fundament.

Das Argument

Wenn man den Begriff «Sekte» konsequent anwendet, müsste man feststellen: Die Reformierten sind Sektierer, die sich von der katholischen Kirche abgespalten haben. Die Katholiken sind Sektierer der frühen Christen. Die frühen Christen sind Sektierer des Judentums. Und die Juden sind eine Sondergruppe der Menschheit. Sekten sind nichts anderes als Abspaltungen von überzeugten Gläubigen oder Andersdenkenden – ein Phänomen, das die gesamte Religionsgeschichte durchzieht. Die Wurzeln der Freikirchenbewegung reichen tief in die Schweizer Reformationsgeschichte. In Zürich trafen sich ab 1525 Männer wie Felix Manz, Conrad Grebel und Georg Blaurock im Umfeld von Huldrych Zwingli – und kamen zu einem radikalen Schluss: Die Taufe von Säuglingen sei unbiblisch; nur wer als Erwachsener aus freiem Willen glaubt, solle getauft werden. Diese Täufer, auch Anabaptisten genannt (griech. ana = nochmals), wurden von der Obrigkeit verfolgt. Felix Manz wurde 1527 in der Limmat ertränkt – das erste Todesurteil der Reformation gegen einen Protestanten, vollstreckt von einer protestantischen Stadtregierung. Er starb, weil er glaubte, dass Glaube eine freie Entscheidung sein muss – kein staatliches Pflichtprogramm.

Die historische Einordnung

Aus dieser verfolgten Minderheit entstanden einige der grössten Missionsbewegungen der Weltgeschichte. Die Mennoniten, benannt nach dem friesischen Reformator Menno Simons, verbreiteten sich von den Niederlanden über Preussen bis nach Russland und Nordamerika. Die Amischen, eine konservative Abspaltung der Mennoniten unter Jakob Ammann (Ende 17. Jh.), leben heute vor allem in Pennsylvania und Ohio und sind weltweit bekannt für ihre Lebensweise. Die Hugenotten – reformierte Protestanten in Frankreich – wurden 1685 mit dem Edikt von Fontainebleau vertrieben und siedelten sich in der Schweiz, den Niederlanden, Preussen und Südafrika an, wo sie die Weinbaukultur des Kaps mitbegründeten. Diese Bewegungen haben die weltweite Verbreitung des Christentums massgeblich geprägt: Freikirchliche Missionare aus Europa und Nordamerika trugen das Evangelium nach Afrika, Asien und Lateinamerika – oft in Regionen, die staatliche Kirchen nie erreichten. Heute sind Pfingstkirchen und freikirchliche Gemeinden die am schnellsten wachsenden religiösen Gemeinschaften der Welt, besonders in Subsahara-Afrika, Brasilien und Südkorea.

Fazit

Die Frage ist nicht, ob eine Gemeinschaft «Sekte» genannt wird, sondern ob sie die grundlegenden christlichen Bekenntnisse teilt. Freikirchen tun dies in aller Regel. Wer Felix Manz, die Mennoniten, die Hugenotten oder die Amischen als Sektierer bezeichnet, verkennt, dass diese Gemeinschaften oft unter Lebensgefahr für das eintraten, was heute als Grundrecht gilt: die Freiheit des Gewissens. Der Begriff «Sekte» ist in diesem Kontext ein rhetorisches Mittel zur Diskreditierung – kein theologisches Urteil.

Quellenangaben

  • Konzil von Nicäa, 325 n. Chr.
  • Apostolisches Glaubensbekenntnis
  • Stark, R. (1996). The Rise of Christianity. Princeton University Press.
  • Harnack, A. (1908). The Mission and Expansion of Christianity. Harper.
  • Bender, H.S. (1950). The Anabaptist Vision. Herald Press.
  • Goertz, H.-J. (1980). Die Täufer – Geschichte und Deutung. C.H. Beck.
  • Zwingli, H. (1525). Von der Taufe, von der Wiedertaufe und von der Kindertaufe.

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