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Religionsfreiheit ist eine Erfindung der Aufklärung

Felix, Regula, Tertullian und das erste Menschenrecht

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Interview: Felix, Regula und die Ursprünge der Religionsfreiheit

Kirchenhistorikerin Dr. Monika Salzbrunn über Tertullians Formulierung der Religionsfreiheit als Menschenrecht, die Thebäische Legion und die Bedeutung von Felix und Regula für die Geschichte Zürich.

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Die Religionsfreiheit gilt als Errungenschaft der europäischen Aufklärung des 18. Jahrhunderts. Doch der Begriff wurde bereits um 212 n. Chr. von einem nordafrikanischen Kirchenvater als Menschenrecht formuliert – und die Zürcher Stadtpatrone Felix und Regula starben dafür, bevor die Stadt Zürich auch nur gebaut war.

Das Argument

Tertullian von Karthago (ca. 155–220 n. Chr.) schrieb in seiner Schrift Ad Scapulam an den römischen Prokonsul: ‘Es ist ein Menschenrecht und ein Naturrecht (humani iuris et naturalis potestatis est), dass jeder anbeten kann, was er will. Die Religion des einen schadet oder nützt dem anderen nicht.’ Diese Formulierung ist die erste bekannte Forderung nach Religionsfreiheit als Menschenrecht in der Geschichte der Menschheit – 1500 Jahre vor John Locke und der Aufklärung. Felix und Regula waren Geschwister aus Ägypten, Mitglieder der Thebäischen Legion unter dem Kommando von Mauritius – einem afrikanischen Offizier aus der Thebais (Oberstägypten). Die Legion bestand aus Ägyptern und Nordafrikanern, die zum Christentum konvertiert waren. Als Kaiser Maximian 286 n. Chr. befahl, Christen zu verfolgen und heidnischen Göttern zu opfern, verweigerte Mauritius den Befehl. Er und seine Soldaten wurden massakriert – das Massaker von Saint-Maurice-en-Valais. Felix und Regula flohen in Richtung Osten und gelangten nach Turicum – dem heutigen Zürich. Dort wurden sie gefasst, gefoltert und enthauptet, weil sie ihren Glauben nicht abschworen. Die Hinrichtungsstelle liegt heute unter der Wasserkirche am Limmatufer. Felix und Regula wurden zu den Schutzpatronen Zürich – einer Stadt, die auf dem Blut von Ägyptern gegründet wurde, die für Gewissensfreiheit starben. Das Grossmünster, das Wahrzeichen Zürich, wurde über ihrem Grab errichtet. Die Ikonographie des heiligen Mauritius zeigt ihn in der mittelalterlichen Kunst häufig als schwarzen Mann – so in der berühmten Statue im Magdeburger Dom (um 1240), der ältesten bekannten realistischen Darstellung eines Schwarzen in der europäischen Kunst.

Die historische Einordnung

Die rechtliche Durchsetzung von Religionsfreiheit als staatliches Prinzip erfolgte tatsächlich erst in der Neuzeit – mit dem Westfälischen Frieden (1648) und später den Verfassungen der USA und Frankreichs. Tertullians Forderung blieb zunächst eine theologische Minderheitsmeinung. Doch der intellektuelle Ursprung, die erste Formulierung als Menschenrecht, liegt eindeutig im frühen Christentum – und nicht in der Aufklärung. Die Aufklärung hat eine christliche Idee säkularisiert, nicht erfunden.

Fazit

Die Schutzpatrone Zürich waren Ägypter, die für Gewissensfreiheit starben. Ihr Anführer war ein afrikanischer Offizier. Der erste Mensch, der Religionsfreiheit als Menschenrecht formulierte, war ein nordafrikanischer Theologe. Die Geschichte der Freiheit beginnt nicht in Paris – sie beginnt in Karthago, in Ägypten, und am Limmatufer in Zürich.

Quellenangaben

  • Tertullian, Ad Scapulam, Kap. 2, ca. 212 n. Chr. (humani iuris et naturalis potestatis est)
  • Tertullian, Apologeticum, Kap. 24, ca. 197 n. Chr.
  • Eucherius von Lyon, Passio Acaunensium Martyrum, ca. 440 n. Chr. (Martyrium der Thebäischen Legion)
  • Acta Sanctorum, Felix und Regula, 11. September
  • Mauritius-Statue, Magdeburger Dom, um 1240 n. Chr. (älteste realistische Darstellung eines Schwarzen in europäischer Kunst)
  • Lachenmann, G. (1998). Tertullian und die Religionsfreiheit. Theologische Zeitschrift.
  • Stadtarchiv Zürich: Geschichte der Wasserkirche und des Grossmünsters.

Gemeinschaft

Diskussion

Kommentare werden von allen gelesen. Schreiben dürfen Mitglieder.

MB
M. Berger12. März 2026

Beeindruckend – ich wusste nicht, dass Tertullian bereits im 3. Jahrhundert Religionsfreiheit als Menschenrecht formuliert hat. Das verändert mein Bild der Geschichte grundlegend.

SK
S. Keller15. März 2026

Die Verbindung zwischen den Zürcher Stadtpatronen und der ägyptischen Legion ist faszinierend. Ich werde das Grossmünster mit anderen Augen sehen.

TM
T. Müller17. März 2026

Endlich eine fundierte Auseinandersetzung mit diesen Themen. Die Quellen sind solide und die Argumentation nachvollziehbar. Weiter so!

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